Wie kann sie nur?

4. März 2021 // Anna Woznicki

Da war diese eine Mutter, die völlig aufgelöst ihre Kinder hinter sich herzog. Für die ich damals so null Verständnis hatte. Und die ich heute mit anderen Augen sehe…

Wir schieben unser sechs Monate altes Baby durch den Park. Es hat gute Laune, brabbelt vor sich hin. Wir lesen ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Ein Keks? Ein Lied? Eine Grimasse? Die süßen Ponys gucken? Na klar! Wir sind zufrieden mit uns. Machen dieses Elternding so gut. Kommen zurecht mit wenig Schlaf, wechseln uns mit allem ab, fördern unser Baby wo wir nur können, sind geduldig und zugewandt. Man, was sind wir stolz. Auf uns, auf unser Baby, auf unsere neue Welt.

Geschrei. Heulen. Schimpfen. Eine völlig aufgelöste Mutter zieht ihre drei Kinder hinter sich her, brüllt auf sie ein. Ihr Gesicht rot und wutverzerrt. Ihr Rucksack fällt hin, die Sachen rollen heraus. Ein Kind läuft weg. Alle Augen auf sie. Auch unsere. Wie kann sie nur. Wie peinlich. Hat nichts unter Kontrolle. Niemals würden wir so mit unseren Kindern sprechen. Niemals so die Kontrolle verlieren.

Fünf Jahre ist das her. Und ich muss immer noch an diese Mutter denken. Unzählige Wutausbrüche meiner Kinder (und mir), jede Menge Nächte ohne Schlaf und so viele Situationen kompletter Überforderung liegen dazwischen. Und erst jetzt weiß ich, wie diese Mutter sich gefühlt haben muss. Erst jetzt verstehe ich als Mutter zweier Kinder, was es heißt, wenn die Nerven blank liegen. Ich versuche, nicht mehr zu urteilen. Versuche stattdessen mir bewusst zu machen, was sich alles hinter einer noch so offensichtlichen Situation verbergen kann. Trennung, Streit, Verlust. Oder Gewalt. Angst um den Job. Schichtdienst. Keiner der hilft, oder mal mit anpackt. Keine Pause. Wer weiß, was diese Mutter vorher alles geleistet hat? Ich hätte ihr helfen sollen, den Rucksack aufzuheben. Ich hätte mir den verachtenden Blick sparen können.

Damals hätte ich nie gedacht, dass mich diese Mutter gedanklich so lang begleiten wird. Wer weiß, was noch auf mich zukommt? Welche frischgebackenen Eltern oder kinderlose Paare mal über mich die Augen rollen werden? Dann werde ich an genau diesen Tag zurückdenken. Und mich sehen, wie ich noch völlig ahnungslos und überzeugt von mir und meinen Prinzipien dieses zuckersüße Baby schob. 

Wer wir sind

Schwestern. Mamas. Tanten unserer Kinder – zwei Jungs und ein Mädchen. Journalistinnen. Und das so so gerne. Also, alles von dem.

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