Unsere Wartezeit

6. Juni 2021 // Ein Gastbeitrag

Von Laura Kraemer

Mein Sohn war öfters im Krankenhaus als auf dem Spielplatz. Seine ersten Schritte machte er im Krankenhaus, er wurde trocken im Krankenhaus, er sagte im Krankenhaus das erste Mal Papa. Er wischte meine Tränen weg als ich neben ihm am Krankenbett saß. Eines seiner ersten Worte war Mundschutz und da gab es noch keine Pandemie. Er hatte sechs Operationen und wurde sechs Mal wieder wach,  in einem kahlem  Krankenhaus-Zimmer, aber mit strahlenden Eltern an seiner Seite . Er schaute in Gesichter, die ihn lieben.

Foto: Laura Kraemer

Ich sitze hier und betrachte mein Kind. Es ist zufrieden, lacht und plappert. In guten Momenten singt er laut vor sich hin oder knurrt, weil er so tut, als sei er ein Dinosaurier. Er ist einfach glücklich. 

Wir kommen an und warten. Warten auf die Schwester, warten auf den Arzt, warten auf ein Zimmer, warten auf die Blutwerte, warten auf den Fahrstuhl. Wir warten und warten. Er malt, spielt, schaut sich ein Buch an und macht Quatsch mit Menschen, die schnell an uns vorbei huschen. Es ist immer Zeit, sich ein Lächeln abzuholen. Das Warten hört nicht auf. „Ich habe Hunger, ich habe Durst, ich muss mal, ich will Fernsehen.“ 
Selten gibt es Tränen, oft wird gelacht.

Auf Station geht die Zeit schneller rum. Mal piepst es, mal wird er abgehorcht, Blutabnahme, Fieber messen, Blutdruck checken. Und nebenbei leben. Hier ein Schwätzchen, da ein Schwätzchen. Ärzte, Schwestern, Physiotherapeuten, Spielzimmer. 

Ihm geht es gut, er ist zufrieden. Vor allem dann, wenn ich einen schlechten Tag habe und ihn viel Fernseher gucken lasse. Dennoch bleiben Abende mit „Cars“ und Pizza besonders. Er freut sich und bedankt sich. „Danke Mama, danke!“ Jedes Mal.

Ich bin aus der Welt der Anforderungen ausgestiegen.

Und ich sage so gerne Ja. Denn mein Kind ist drei Jahre alt und ja, er darf Fernsehen und auch mal mehr als eine Stunde am Tag. Ja, mein Sohn ist drei Jahre alt und er darf Süßigkeiten, Eis und Pizza essen. Von mir aus darf er jeden Tag Pizza und Eis essen. Denn ich bin froh, wenn er überhaupt isst. Ich möchte ihm das Würgen ersparen, wenn ich den Deckel des Krankenhaus-Essens öffne. Ich möchte ihm die Tränen ersparen, die fließen, wenn ich nach 60 Minuten den Fernseher aus mache. 

Ich möchte mir den Druck nehmen, eine gute Vorzeigemutter zu sein, die ihr Kind nach Meinungen anderer erzieht. Außenstehende, die beschließen, dass Kinder mit anderthalb Jahren abgestillt sein müssen, dass eine halbe Stunde Fernsehen reicht oder er im besten Fall gar nichts angemacht wird, dass Obst als Süßigkeiten durchgeht, dass Mütter ständig Bücher vorlesen müssen, dass das Kind am Tag mindestens eine Stunde an die frische Luft kommt, dass wir nur Holzspielzeug besitzen und Markenkleidung tragen, dass ein Kind am besten im eigenen Bett einschläft.

Aus dieser Welt der Anforderungen bin ich ausgestiegen. Ich mache mir keinen Druck mehr. Ich mache das, was für mein Kind, im Hier und Jetzt, das Beste ist, das Einfachste oder das Stressfreiste. Manchmal mache ich auch das, was am Energie sparsamsten ist. Er braucht seine Energie. Und ich möchte auf keinen Fall, dass er sie verschwendet, nur, weil ich ihn in sein eigenes Bett lege, obwohl er lieber bei uns schlafen will… 
Und ich mache das, wozu ich in der Lage bin. 

Unser Leben besteht aus so viel mehr als dem normalen Alltagsstress. Kein Tag ist wie der andere und wir versuchen das Beste draus zu machen. Und dann sind da immer noch diese trüben Gedanken. Gedanken, die ich weg schiebe und versuche in den Griff zu bekommen. Aber sie sind da. Ängste, Sorgen, Zweifel. Mal mehr, mal weniger. Gefühle, die ich versuche zu unterdrücken, die aber manchmal einfach raus müssen. Dann ist er es, der mir die Tränen weg wischt.

Ja, mein Kind ist drei Jahre und er tröstet mich. Ich weine vor ihm. Er weint vor mir, ich tröste ihn und manchmal weinen wir zusammen. Unsere Gefühle – positive sowie negative – gehören dazu. 

Mein Sohn war öfters im Krankenhaus als auf dem Spielplatz.

Mein Sohn war öfters im Krankenhaus als auf dem Spielplatz. Seine ersten Schritte machte er im Krankenhaus, er wurde trocken im Krankenhaus, er sagte im Krankenhaus das erste Mal Papa. Er wischte meine Tränen weg als ich neben ihm am Krankenbett saß. Eines seiner ersten Worte war Mundschutz und da gab es noch keine Pandemie. Er hatte sechs Operationen und wurde sechs Mal wieder wach, in einem kahlem  Krankenhaus-Zimmer, aber mit strahlenden Eltern an seiner Seite . Er schaute in Gesichter, die ihn lieben.

Wir genießen die Zeit im Krankenhaus. Warten macht uns nichts mehr aus. Es ist Zeit, die wir gemeinsam verbringen. Er ist zufrieden und ich bin es auch.

Wer wir sind

Schwestern. Mamas. Tanten unserer Kinder – zwei Jungs und ein Mädchen. Journalistinnen. Und das so so gerne. Also, alles von dem.

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