Kein Platz für uns

3. März 2021 // Nina Bossy

Kita. Allein das Wort klingt doch zu niedlich. Nach Duplo, Müsli, Schnulli, Mutti. Es sollte mehr nach Atomabkommen klingen. Es ist so verdammt wichtig, es ist der Schlüssel zur Gleichberechtigung 2021. Die Brücke zwischen meinem neuen Ich und meiner alten Welt.

„Ich muss schnell zur Kita.“ Das hat die Kollegin verlegen vor ein paar Jahren mal mitten in der Konferenz genuschelt und ist mehr rausgestolpert als rausgegangen. Ihr Ton war so Schulmädchen. Nicht Business. Ich habe sie gar nicht richtig wahrgenommen. Jetzt fällt es mir wieder ein. Sie damals, das bin ich heute. Wobei nicht ganz. Sie hatte ja einen Kita-Platz. Ich keinen für meine fast Zweijährige keinen bekommen.

„Ich habe keinen Kita-Platz“, nuschele ich also vor ein paar Tagen meinem Chef ins Telefon. Versteht er die enorme Bedeutung hinter dieser Aussage? Kita klingt echt scheiße klein. Dabei beschreibt dieser fehlende Platz erst einmal mein aktuelles – und damit auch sein aktuelles Problem. Und weitreichender, die enorme Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Erwartung und der dargebotenen Betreuungsrealität.

Vor dieser misslichen Lage, ohne Betreuungsplatz, stand die Entscheidung. Wann werde ich wieder arbeiten? Wann werden wir unsere Tochter in fremde Hände geben? Während ich um eine Antwort ring, war sich mein Umfeld ziemlich sicher, wie sie ausfallen würde.

Dass ich schnell wieder ins Büro komme, war dort allen klar. Die Nina, die arbeitet doch gerne! Stimmt ja auch, irgendwie. Als ich einer Freundin und ebenfalls jungen Mutter erzählte, dass ich mir vorstellen könne, zwei Jahre zuhause zu bleiben, schaute sie mich befremdlich an. War dir dein Job nicht immer wichtig? Sie wandte auch noch ein, meiner Tochter würden andere Kinder sicherlich guttun. Sie sei ja so taff. Ich schaute ein bisschen verwundert auf das „taffe“ Baby, damals, gerade vier Monate auf der Welt. Nach diesem Gespräch hatte ich das Gefühl, alle ziehen uns an uns vorbei. Das Baby der Freundin würde mit unter einem Jahr im Kindergarten laufen, sprechen lernen. Und erst die Sozialkompetenz! Ein rennendes Baby, das jede Schüppe teilt, während mein Kind in der Babytrage zum zweijährigen Winterschlaf verdammt sein würde. Und an mir selbst sah ich vor meinem inneren Auge die anderen Kolleginnen vorbeiziehen, taff in schönen sauberen Blusen, die nicht so doof waren und ein Kind bekommen hatten.

Bullshit. Mein Baby, mein Leben. Die Entscheidung: Mit knapp zwei sollte unsere Tochter in den Kindergarten gehen. Ich meldete sie fristgerecht an, bewarb mich in einem Online-Meeting um einen der fünf Plätze. What, fünf? Ja, fünf. Für Kinder im Alter meiner Tochter, also knapp unter zwei Jahren bei Beginn des neuen Kindergartenjahres im August, gibt es in unserer Stadt mit 20.000 Einwohnern sage und schreibe zehn Kindergartenplätze. Fünf in einem anderen Stadtteil, fünf in der Nachbarschaft. Und eigentlich seien die auch eher für Frauen in Not gedacht, erklärte mir eine Jugendamtsmitarbeiterin. Während ich mir also den Kopf zermartert hatte, ab wann ich mein Kind fremd betreuen lasse, gab es in der Realität gar keinen Platz für sie.

Und jetzt? Ich habe das große Glück nicht auf einen Plan B, eine Tagespflege ausweichen zu müssen. Meine Mutter stopft für mich die Lücke, die der versäumte Kita-Ausbau für so viele Familien aufgerissen hat. Jetzt gehe ich noch ein Jahr ein bisschen arbeiten und bin viel zuhause. Ich bin ein grauer Mischling am bunten Himmel der idealisierten, aufgeblasenenen Mutterschaftswolke. Weder Karriere-Powerfrau noch Vollzeit-Mama.

Und das ist für mich okay. Meine zwei Jahre Elternzeit stehen gegenüber 36 Jahren Berufsleben. Verpasse ich in diesem Zeitfenster Chancen? Bestimmt. Aber auch vielleicht die schönste Zeit mit meinem Kind. Hätte sie den Platz aber bekommen, wäre es auch gut für mich und auch für sie gewesen.  

Die große Wahrheit ist doch: Alles ist gut, mit dem die Mütter leben können und was zu der Lebensrealität, der finanziellen und privaten Situation der Eltern passt. Gar nicht gut finde ich eine Gesellschaft, die Erwartungen an Frauen richtet, für die sie selber nicht die Möglichkeiten zur Verfügung stellt. Nicht gut finde ich auch, Mütter in einer Welt, in der sie sich die Betreuung für ihre Kinder nicht aussuchen können, genau an dieser zu bewerten und zu messen. Und wer in der Politik von Chancengleichheit spricht, muss endlich die Kindergärten ausbauen. Es besteht nur Gleichheit zwischen Männern und Frauen, sozialen Etablissements, Land und Stadt, wenn alle die Freiheit haben aus allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, auszuwählen.

Wenn ich nächstes Jahr Kita in einer Konferenz sage, will ich nicht mehr nuscheln. Ich werde deutlich und laut sprechen. Weil, die Kita ist die Verbindung zwischen meiner Welt als Mutter und als Arbeitnehmerin. Sie macht es möglich, dass junge Menschen, Frauen sowie Männer, Unternehmen nach vorne bringen. Kita, das ist der Schlüssel. Eben nicht nur für uns Eltern.

Wer wir sind

Schwestern. Mamas. Tanten unserer Kinder – zwei Jungs und ein Mädchen. Journalistinnen. Und das so so gerne. Also, alles von dem.

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