Mein erstes Jahr mit Baby und Corona

12. Februar 2021 // df-kreativ

Als die Nachrichtensprecherin im Radio meldete, dass in Heinsberg eine ganze Karnevalsgesellschaft sich mit dem neuartigen Corona-Virus infiziert habe, saß ich auf dem Beifahrersitz einer Freundin. Wir waren gerade auf dem Weg in ein Elterncafé. Hinten schliefen unsere beiden Babys in ihren Babyschalen. Ich glaube, wir machten Witze über diese virale Party. Und ich weiß, dass mir flau wurde. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass wir vorerst gemeinsam in einem Auto saßen und das letzte Mal, dass wir zusammen einen Ort besuchten, der nicht unter freiem Himmel lag.

Während das erste Jahr einer Mutterschaft wohl immer geprägt ist vom Austarieren der eigenen Ideale und der leistbaren Realität, den Erwartungen an sich selbst und dem täglichen Scheitern, der großen Suche nach der eigenen, neuen Identität, spürte ich diese seltsame, unbekannte Gefahr, die dieses Virus in mein sowieso schon neues Leben brachte als eine unerträgliche, zusätzliche Schwere auf meinen Schultern. Was für eine Mutter bin ich und werde ich sein, während einer globalen Pandemie?

Im Frühling verabredete ich mich, um wieder abzusagen. Ich versuchte, Menschen mein süßes Baby zu zeigen und sie gleichzeitig auf Abstand zu halten. Ich war traurig für mich um die ausfallenden Krabbelgruppen. Ich hatte so Lust darauf, im Kreis mit anderen Müttern Lieder zu singen und den Kindern dabei den Bauch zu kitzeln.

Als die Kurse wieder starteten, ginge ich nicht hin. Als andere Mütter sich zum Spielen in den Kinderzimmern verabredeten, blieb ich zuhause. Ich entschied mich, zu verzichten. Für mich und meinen kleinen neuen Mikrokosmos. Für meine Tochter und meinen Mann. Für meine Mutter, die ihren Vater pflegt und eben jene Großeltern, die ich auch nicht aus meinem eigenen Leben schmeißen wollte. Für mein Gewissen, wenn meine Tochter in 20 Jahren fragen würde, wie ich mich in dieser historischen Lage verhalten habe.

Was für eine Mutter werde ich sein – während einer globalen Pandemie?

Und ganz langsam wich das Selbstmitleid dem Wachsen. An dem Baby, an mir. An Corona. Getragen wurde dieses Jahr von Freundschaft. Freundschaft, vor allem zu einer kleinen Gruppe. Drei Mütter, fünf Kinder, die immer noch zusammen raus gingen, als der Herbst kam. Drei Frauen, die die stille Vereinbarung hatten, die Werte, die sie den Kindern mitgeben wollen, untereinander zu leben. Achtung vor der Angst der anderen, Respekt für Entscheidungen und Nähe durch Zuhören.

Einmal waren wir auf dem Spielplatz und es regnete vom Himmel hoch, die Kinder waren unzufrieden. Und dann kam der schönste Regenbogen, den ich je gesehen habe. Er zerriss den dunklen Himmel mit nichts anderem als purem Licht und Farbe. Und da hätte ich heulen können.

Als meine Tochter ein Jahr alt wurde, war Mitte November und die Gischt der zweiten Welle schäumte bereits am Horizont. Ich hing Luftballons an einen Baum und breitete eine Picknickdecke aus. Wir feierten zu fünft einen kleinen Kindergeburtstag im Wald. Wir aßen Muffins am Fluss, setzten die Kinder auf Äste wie Wippen.  

Ich hätte mir mein erstes Jahr mit Baby anders gewünscht. Die ernüchternde Realität aber hat wie ein Brennglas die wunderschönen Dinge freigelegt, die für ein erfülltes Leben als Mutter eigentlich entscheidend sind. Authentizität.  Mut, zu sich und seinen Entscheidungen zu stehen. Dem Wissen, sich auch als Mama mal klein fühlen zu dürfen. Freundschaft und Gesundheit. Vielleicht am Ende trotz allem und vielleicht sogar deshalb: Dankbarkeit.

Wer wir sind

Schwestern. Mamas. Tanten unserer Kinder – zwei Jungs und ein Mädchen. Journalistinnen. Und das so so gerne. Also, alles von dem.

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