Du bist nicht meine Prinzessin

12. April 2021 // Nina Bossy

„Wie du sein wirst? Wundervoll, in jedem Fall.“ Ich nahm mir immer vor, meine Tochter frei von einem tradierten Rollenbild zu erziehen. Es war mir ein Anliegen. Und trotzdem bin ich gescheitert.

Karlie und ihr Kinderwagen. Manchmal darf er mit. Vorzugsweise um ein Picknick zu transportieren. Foto: privat

Ich kann Prinzessinnen nicht leiden. Die ganze Idee missfällt mir. Kleine Mädchen, die ihre Nase ein bisschen zu hochtragen. Kinder, die sich adelig, besser fühlen. Ein Dogma der Ungleichheit, zugeflüstert von den eigenen Eltern. „Meine kleine Prinzessin.“ Bevor ich Mutter wurde, begegneten mir die Prinzessinnen als Tante zweier Jungs manchmal im Sandkasten. Kann ich mitspielen, hat mein Neffe, damals so um die drei Jahre alt, gefragt. Kindlich, frei. Und dann traf ihn der abweisende Blick der kleinen Königin mit der pinken Schüppe, von ganz oben herab.

Ich wollte nie eine rosa Ballerina, nie ein Mädchen zum Kämmen und Vertüddeln. Im Gegenteil, eine Abenteuerin wie Ronja Räubertochter. Selbstbestimmt wie Pippi Langstrumpf malte ich mir in der Schwangerschaft mein Mädchen aus und kaufte trotzdem ein kleines Kleidchen. Und an Weihnachten versuchte ich ein Schleifchen in den Haaren meiner Einjährigen (blau statt rosa) zu befestigen, das sie versuchte loszuwerden wie ein Pferd auf der Weide die lästigen Fliegen.

Zum ersten Geburtstag schenkte ich meiner Tochter eine Puppe und einen Puppenwagen. In meinen Augen, wunderschön, in Naturtönen, ohne einen Hauch rosa. Und zu Weihnachten eine Spielküche. Meine Schwester schaute erstaunt. Und dann fiel es mir auf.

Nicht nur rosa ist typisch Mädchen.

Es ist eben nicht erst die Farbe, die das Geschenk zum Stigma erhebt. Ein Puppenwagen, der das Mädchen auf ihr potenzielles Muttersein stilisiert, sie in ihrer Rolle schon festschreibt bevor sie selbst sich ihres eigenen Geschlechts bewusst ist. Nicht nur die Gesellschaft hat Erwartungen an unsere Kinder. Sonder vor allem wir Eltern. Auch ich, die sich das Thema so bewusst auf meine Fahne geschrieben hat, trage ein tradiertes Rollenbild in mir, das ich eben doch nicht so leicht abstreifen kann. Es war mir irgendwie ein Anliegen, die Puppe und die Küche für das Mädchen.

Ist es wirklich nur das Bild der Prinzessin, das Mädchen auf einen Sockel stellt? Für wie viel Unabhängigkeit im Leben steht meine Vision der Räuberin tatsächlich? Und kann die Entwicklung eines Kindes wirklich vollkommen frei gelingen, solange wir Eltern für sie überhaupt Bilder und Erwartungen haben?

Ich spüre wieder einmal, wie herausfordernd Elternsein ist. Die Erziehung – viel besser unsere Beziehung zu den Kindern – ist ein unverhohlenes Spiegelbild zu uns selbst. Manchmal ist es mir ein bisschen zu ehrlich. Und manchmal verstehe ich es als großartige Einladung mitzuwachsen, auch wenn das mitunter sehr anstrengend sein kann.

Es ist nicht schlimm, glaube ich. Nur ein Beispiel von so vielen. Eine Puppe macht keinen Menschen. Aber ich verurteile jetzt nicht mehr so schnell die Prinzessinnen, und auch nicht ihre Eltern. Und auch bei mir dürfen Anna und Elsa einziehen. Sie ist eben frei, und das bedeutet, auch frei, mal eine Prinzessin sein zu wollen. Und wenn sie den teuren Puppenwagen verschmäht, ist das gut. Immerhin, ich schaue ihn gerne an, er sieht wirklich hübsch aus, wie er da so fast unberührt in der Ecke steht.

Wer wir sind

Schwestern. Mamas. Tanten unserer Kinder – zwei Jungs und ein Mädchen. Journalistinnen. Und das so so gerne. Also, alles von dem.

Mehr lesen

Die neuesten Beiträge

Schlagwörter