Dieser verdammte Kinderschlaf

4. Mai 2021 // Nina Bossy

Als Familienberaterin kümmert sich Denise Piecha um die ganz großen Themen. Schlaf zum Beispiel. Warum eine liebevolle Begleitung auch gegen Augenringe hilft, erklärt sie Nina im Interview.

Denise Piecha ist rund um Velbert, Hattingen und Essen als Familienberaterin unterwegs.
Foto: Denise Piecha

Liebe Denise, was ist das allergrößte Problem, das wir Eltern heute haben?

Ich glaube, junge Eltern sind oft verwirrt. Da ist die meist eher konservative Erziehung, die sie selbst erleben haben –  und die sie bis heute prägt. Und die leise Intuition, es doch etwas anders machen zu wollen. Aber nur wie? Auf diesem Weg, zum eigenen Ich in der neuen Elternrolle und hin zu einem liebevollen Umgang mit ihren Kindern begleite ich sie.

An einem Thema kommen Mütter und Väter nicht vorbei: Schlaf.  Dass Kleinkinder nicht alleine gelassen und erst recht nicht schreien gelassen werden dürfen, hat sich rumgesprochen. Heute versuchen die meisten Eltern ihre Kinder in den Schlaf zu begleiten – und trotz aller Mühe und Liebe will es oft nicht klappen. Und dann kommen die Zweifel: Woran liegt’s? An meinem Kind, an mir?

Ich verstehe solche Gedanken. Mir hilft gegen solche Gedanken Wissen. Zum Beispiel, dass Kinder rund 1.000 Nächte brauchen, um ein ruhiges und anhaltendes Schlafverhalten zu lernen. Und dass Babys und Kleinkinder aus ihrer Natur heraus schlecht in den Schlaf finden. Denn Schlafen, also einfach abwesend sein, ist aus evolutionärer Sicht eine ziemlich gefährliche Sache. Auch die Brücken zwischen den einzelnen Schlafphasen können kleine Kinder oft nicht selber schlagen. Sie wachen auf und prüfen: Ist mein Rudel noch da? Alle Eltern sollten sich bewusst machen: Ihr Kind ist, wenn es trotz liebevoller Begleitung Schlafprobleme hat, völlig normal entwickelt. Das menschliche Hirn ist einfach noch auf Steinzeit programmiert. Das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit entwickeln Kinder durch liebevolle Begleitung. Es ist also nicht nur der schönste Weg, sondern auch der vielversprechendste. Aber das dauert nun einmal.  

Okay. Nehmen wir uns der Natur an und geben uns diesem Prozess hin. Trotzdem gibt es manchmal Stellschrauben, die wir umstellen möchten, schlichtweg um selbst genug Schlaf zu bekommen. Zum Beispiel, wenn das Kind um 17 Uhr ins Bett möchte, um ab 5 Uhr wieder spielen zu können. Wie gehen wir das am besten an?

Eben feinfühlig und liebevoll. In deinem Beispiel würde ich den Schlaf jeden Tag eine Viertelstunde nach hinten hinauszögern. Und dabei aber akzeptieren, dass das Gemüt drückt. Beziehungsorientiert zu erziehen, heißt übrigens nicht, dass immer nur die Sonne am Familienhimmel scheint. Aber ich als Mutter oder Vater donnere nicht dagegen, sondern biete mich selbst als Trost an und gehe mit meinem Kind da gemeinsam durch. Kuscheln ist übrigens nicht nur effektiver, sondern auch für uns Eltern um einiges nervenschonender als ein Kampf gegen schlechte Laune.

Empathisch begleiten, das ist dein Erziehungsmantra. Das ist manchmal im Alltag gar nicht so leicht. Was bringt dich eigentlich auf die Palme?

Geschwisterstreit. Das ist für mich als Mutter ganz schlimm. Und Ärgereien, Ausgrenzung und Mobbing zu beobachten, treibt meinen Puls hoch.

Und wie kommst du von der Palme wieder runter?

Ich versuche im Geiste einen Schritt zurück zu gehen. Okay, was passiert hier gerade? Warum bin ich aufgewühlt? Und muss ich diesen Kampf wirklich austragen? In den meisten Fällen müssen wir es nicht. Da gibt es einen anderen Weg. Wenn wir den finden, sei es auch mal Schokolade statt Schreierei, dann haben gewonnen.

Wer wir sind

Schwestern. Mamas. Tanten unserer Kinder – zwei Jungs und ein Mädchen. Journalistinnen. Und das so so gerne. Also, alles von dem.

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