Die Stimme der Väter

8. Juni 2021 // Nina Bossy

Chris ist Papa. Und das gleichzeitig doppelt geworden. Über das Leben mit seinen einjährigen Zwillingsjungs Mats und Finn bloggt er – und das ziemlich erfolgreich. Mit Nina spricht er über Überforderung, gleichberechtigte Elternschaft und wie er selbst ein modernes und vor allem authentisches Familienbild mitprägen möchte.

Das sind Chris und seine beiden Jungs. Wie die beiden „Astronauten“ sein Leben auf dem Kopf gestellt haben, erzählt Chris auf zwillingspapa.blog Authentisch, lustig und manchmal auch sehr rührend. Foto: Chris Weber

Du schreibst, du seist als Vater neulich erst diskriminiert worden. Was ist passiert?
Eigentlich waren das zwei verschiedene Dinge: Zuerst wurde ich als Vater wieder mal nur als “halbe oder gar viertel Mutter” angesehen. Viele Menschen denken halt immer noch, dass man als Vater mehr schlecht als recht mit den Kindern zurechtkommt und an allen Ecken und Enden Hilfe und Ratschläge braucht, weil man ja “nur der Papa” ist. Da kann es schon vorkommen, dass einem wildfremde Menschen tolle Tipps geben, wie man die Kinder im Auto richtig anschnallt oder sie richtig auf dem Arm trägt oder dass man ihnen die Jacke zumacht und eine Mütze aufsetzt, wenn es draußen windig ist. Danke dafür… Und mein zweites Highlight war, dass wir zwei brandneue Rezensionsexemplare von Elternratgebern bekommen haben, deren Titel nur etwas mit “Mama…” zu tun hatte. Tja – Emanzipation und Diskriminierung geht immer in ZWEI Richtungen… Wenn schon Elternbuch, dann bitte für Mama UND Papa. Ich finde: Als Papa soll (und will man) immer vorne mit dabei sein, Verantwortung übernehmen, überall mitentscheiden und mitreden – dann sollten die Väter und Papas aber auch ganz offiziell überall mit angesprochen und als vollwertiger Elternteil akzeptiert werden.

Immer mehr junge Väter bringen sich sehr in ihre Familien ein. Darüber sprechen oder schreiben, das tun nur wenige. Warum ist es wichtig, dass Männer in Familienthemen auch eine Stimme haben?

Dass das nur wenige tun, liegt am veralteten Bild des (Über-)Vaters, der weniger Vater und Erzieher und Freund der Kinder war, sondern eher der Familienversorger. Der, der das Geld nach Hause gebracht hat und nach dem langen, stressigen Arbeitstag am Abend lieber nicht gestört werden sollte. Heute ist dieses Bild ja komplett überholt. Aber in den Augen vieler Menschen ist das neue Bild eines modernen Papas wahrscheinlich noch nicht cool oder gesellschaftsfähig genug. Ein erfolgreicher, sehr gut verdienender und viel arbeitender Familienvater ist nach außen hin halt immer noch mehr wert und “normaler”, als ein Mann, der daheim ist, Wäsche und Haushalt macht, den halben Tag mit Spuckflecken auf dem Shirt herumläuft und mit der Mutter seiner Kinder auf einer Ebene steht. Das Klischeedenken, das jahrzehntelang gelebt wurde, ist überholt. Ein Umdenken findet ja mehr und mehr statt – aber dieser Prozess dauert eben… Es ist wichtig, dass auch wir Väter eine Stimme bei Familienthemen haben, weil WIR ja Bestandteil der Familie sind. WIR erziehen mit, WIR leben zusammen, WIR haben ebenso Ängste, Sorgen, Bedürfnisse – aber auch Wünsche, eigene Ideen und Erfahrungen. Wir haben hier kein einziges Thema, das NUR die Frau oder NUR den Mann betrifft, im Gegenteil: Elternzeit, Arzttermine, Behördengänge, etc. teilen wir uns und nehmen so viele Termine wie möglich zusammen wahr – könnten aber auch alles alleine machen, um den anderen zu entlasten oder zu vertreten. Fairerweise muss ich aber auch gestehen, dass die ganzen Behördenthemen federführend Sandra gemacht hat, weil sie sich da einfach perfekt reingefuchst hat. Tausend Dank dafür an Sie nochmal an dieser Stelle 😉 !

In deinen Texten wird ganz deutlich, dass ihr Familie und Elternschaft sehr gleichberechtigt lebt. Oft ist das Umfeld erstaunt, wenn Männer sich sehr engagieren. Wie erlebst du die neue Rolle der Väter?

Ich erlebe sie online oft anders als offline bzw. im “echten Leben”. Wenn ich als zwillingspapa.blog auf Instagram oder in meinem Blog mit Leuten spreche oder als Zwillingspapa (inter-)agiere, ist das moderne Papabild und die gleichmäßige Rollenverteilung gar kein Thema (mehr). Es ist normal. Gerade die sozialen Medien sind ja für uns “moderne” Väter ein Sprachrohr und eine Plattform, wo wir uns zeigen können und auch unsere Meinung äußern können. Anders ist es aber im realen Leben – da wird man besonders von der älteren Generation oder aber von gleichaltrigen Menschen, die kinderlos sind, oft komisch angeschaut oder fast schon abwertend behandelt. Es wird zwar besser und das alte Klischeedenken verblasst zunehmend, aber ab und zu hat man doch damit zu kämpfen. Der überwiegende Teil der Leute, mit denen ich als Papa zu tun habe, findet es aber sehr gut, dass ich meine Rolle so auslebe und überall dabei bin.

Mittlerweile folgen dir über 5.000 Menschen auf Instagram. Wie fühlt es sich an, sehr intime Gedanken so öffentlich zu teilen?
Also dass mir mittlerweile schon so viele tolle Menschen folgen und die Zahl derer, die mich auf meinem Weg vom “Papa-to-be” zum “Zwillingspapa” begleiten, jetzt sogar schon Richtung 6.000 geht, ist schon der Wahnsinn – ein wirklich tolles Gefühl. Manchmal rührt es mich, wenn ich merke, wie meine Stories oder Geschichten ankommen und was ich bei meinen Zuschauern oder Followern auslöse. Das Feedback auf manche Themen ist immens – daran sehe ich, dass da draußen noch so viele Papas und Mamas sind, die die gleichen Probleme haben, sich aber nicht trauen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Oder sie haben keine (eigene) Plattform, auf der sie das tun könnten. Natürlich ist es manchmal komisch oder gar schwierig, sich mit persönlichen Geschichten so nackt auszuziehen und damit angreifbar zu machen – aber wenn ich damit auch nur einem Elternpaar bei ihren Problemen helfen kann, hat sich das schon mehr als gelohnt. Zum Beispiel das Thema Schreibabys betrifft sehr, sehr viele Eltern – und wir haben unter dem Hashtag #FürMehrRealitätAufInstagram einfach ganz offen darüber gesprochen. Ich habe gezeigt, dass wir am Ende waren. Ich habe darüber gesprochen, wie wir uns fühlen. Ich habe Fotos veröffentlicht, die mehr als deutlich gemacht haben, dass wir Hilfe brauchten. Das machen nicht viele, weil es eben unbequem ist und nicht gerade dem “stylishen Friede Freude Eierkuchen Instagram” entspricht. Selbst vor der Kamera zu stehen und zum Beispiel in einem Video über so emotionale Geschichten und Probleme zu erzählen, ist tatsächlich immer noch eine große Überwindung. Aber die Resonanz ist so positiv, dass es mit der Zeit leichter wird. Ich plane ja noch einige weitere Sachen – z.B. einen Podcast, in dem ich meine persönlichen Geschichten und Erfahrungen erzählt, aber auch mit anderen Mamas, Papas, Bloggern, etc. über wichtig Themen spreche…

Egal wie sehr man sich auf das Leben als Familie vorbereitet, es haut einen doch total um. Was hat dich am Papasein am meisten überrascht?
Ohje, wo soll ich da anfangen… Also am meisten hat mich die Tatsache überrascht, dass alles anders gekommen ist als ich gedacht hatte. Oder zumindest als ich mir das vorgenommen hatte. Ich musste einsehen, dass man als Zwillingspapa das Wort “Überforderung” durchaus sehr oft gebraucht, es sehr oft erlebt und sich auch sehr schnell nicht mehr dafür schämt. Ich habe überrascht festgestellt, wie gut es sich anfühlt, Hilfe anzunehmen. Ich habe mit Überraschung eingesehen, dass ich zwar alles mögliche gut und bis ins letzte Details planen kann – letztendlich aber unsere beiden Zwerge ihr Okay dafür geben müssen. Und mich hat überrascht, dass man als Eltern wirklich sehr oft intuitiv handelt und es gut wird. Vieles kann man in Elternratgebern nachlesen, sich aneignen oder durch aufmerksames Beobachten von Reallife- oder Social-Media-Eltern lernen. Aber letztendlich ist alles, was einem dann selbst widerfährt, so komplett anders, dass man keine allgemeingültigen Rezepte darauf anwenden kann. Man steht dann doch immer wieder bei Null oder ist ratlos und muss selbst Strategien entwickeln, wie man damit umgeht.

Eine Kuschelfrage zum Schluss: Was ist für dich in eurer Routine der schönste Moment des Tages?
Das variiert und ändert sich je nach Phase, in der sich Mats und Finn gerade befinden. Aktuell ist zum Beispiel einer meiner liebsten Momente, wenn wir die beiden aufwecken und sie aus den Bettchen holen. Nach dem Aufstehen wird dann erstmal ein paar Minuten gekuschelt und dabei laden wir alle binnen kürzester Zeit unsere Akkus auf. Wir merken aber auch, dass nach der langen und heftigen Zeit in den ersten Monaten mittlerweile die guten Momente und schönen Tage immer mehr werden – ein tolles Gefühl. So können wir uns auch immer öfter und mehr darauf einlassen und uns über die großen und kleinen Fortschritte und Augenblicke auch richtig freuen.

Kleines Update: Finn ist nun Frühaufsteher – wir wecken nicht mehr ihn, sondern er weckt uns. Und das gerne am Wochenende viel früher als unter der Woche. Macht ja auch Sinn 😉 ! Der Moment, wenn man ihn dann aus dem Bettchen holt, ist aber dennoch so süß, dass man ihm den fehlenden Schlaf ganz schnell verzeiht…

Habt ihr auch Zwillinge? Oder Lust auf mehr ehrliche Texte aus Papa-Perspektive? Hier geht’s zu Chris Blog.

Wer wir sind

Schwestern. Mamas. Tanten unserer Kinder – zwei Jungs und ein Mädchen. Journalistinnen. Und das so so gerne. Also, alles von dem.

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