Der Blick durchs Fenster

4. März 2021 // Anna Woznicki

Was, wenn ich an meinem eigenen Fenster vorbei gehen würde? Wen würde ich sehen? Wie würde ich mich erleben? Ein kleiner Perspektivwechsel hilft manchmal, sich selbst klarer zu sehen.

Foto: Anna Woznicki

Überall auf dem Boden liegen Legosteine. In der einen Hand halte ich einen Bauern, in der anderen Captain America. Ich selbst bin eine Mischung aus einem Wikinger, Batman und Superman. Es ist zehn Uhr morgens. Die Kita ist mal wieder für uns geschlossen. Notbetreuung in Corona-Zeiten. Der Bauer und Captain America streiten sich jetzt. Anweisung aus der Regie. Jetzt kommt ein Außerirdischer, der böse guckt aber lieb ist. Jetzt nimmt er den Bauern mit auf den Planeten. Nein, Captain America. Die beiden Regisseure streiten. Der kleine Regisseur weint, der große wird wütend. Ich hole Luft und gehe auf Toilette. Ich bin so müde. Mein Blick fällt in den Spiegel. Was gebe ich für ein Bild ab, frage ich mich und muss über mein Outfit selbst grinsen Was, wenn mich jetzt jemand sehen würde? Ja was, wenn jemand nur so zufällig am Fenster vorbeigehen würde und uns beobachten würde. Der Blick von draußen. Was würde er sehen? Eine Mutter, die scheinbar, die Kontrolle verloren hat? Die ständig auf irgendwelche spitzen Legoteilchen tritt und aussieht, als wüsste sie selbst nicht wer sie ist? Was würde ich selbst sehen? Ich hole noch einmal Luft und gehe wieder ins Kinderzimmer. Alle Lego-Figuren und beide Brüder sind wieder Freunde.

Der Blick von draußen.

Der Blick von draußen. Oder würde ich mich selbst sehen, wie ich mit zwei tollen Kindern Lego spiele. Ich, die ich zwar aussehe wie ein Wikinger, Batman und Superman, aber eigentlich Superwoman bin. Ich, die ich mir gerade über nichts anderes Gedanken machen brauche. Ich, die eine Zeit erlebe, die so nie wieder kommt. Man habe ich es gut. Ja vielleicht ist das der Blick in mein Fenster. In meine Welt. Auf mich.

Vielleicht braucht man diesen Blick manchmal. Um sich zu lösen von Kleinigkeiten und Nichtigkeiten, um manchmal nicht unterzugehen in Wäschebergen oder in Legokisten. Um sich wieder deutlicher sehen zu können. Was würde ich sehen, wenn ich an meinem Fenster vorbeigehe? Mit etwas Abstand zu dem Alltag, in dem man manchmal verschwindet. Was würde ich riechen? Was würde ich hören? Wen würde ich sehen? Mich selbst. Nur etwas klarer.

Wer wir sind

Schwestern. Mamas. Tanten unserer Kinder – zwei Jungs und ein Mädchen. Journalistinnen. Und das so so gerne. Also, alles von dem.

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